News, Analysen und Tipps rund um digitale Strategien, Tools und Marketing.

Universal Commerce Protocol: Was Schweizer Retailer jetzt über "Agentic Commerce" wissen sollten
Das Universal Commerce Protocol (UCP) wurde am 11. Januar 2026 von Google, Shopify und weiteren Partnern als neuer Standard für den sogenannten "Agentic Commerce" vorgestellt. Künstliche Intelligenz soll künftig nicht mehr nur Produkte empfehlen, sondern Einkäufe direkt für den Kunden abschliessen. Für Schweizer Unternehmen im E-Commerce entstehen dadurch neue Chancen, aber auch konkrete Risiken.
Was ist das Universal Commerce Protocol?
Das Universal Commerce Protocol ist ein quelloffener (Open Source) technischer Standard, der es KI-Systemen erlaubt, direkt mit Online-Shops zu kommunizieren. Im Gegensatz zu früheren Versuchen ist UCP kein geschlossenes Google-System, sondern ein Protokoll, das auch von anderen KIs wie Microsoft Copilot oder ChatGPT genutzt werden kann.
Dadurch kann eine KI:
- Produkte suchen und in Echtzeit Verfügbarkeit sowie Preise prüfen.
- Bestellungen direkt in der KI-Oberfläche auslösen.
- Zahlungen sicher abwickeln wie zum Beispiel über Google Pay oder PayPal.
- Informationen zu Lieferung und Rückgabe anzeigen.
Für Kunden bedeutet das weniger Aufwand. Für Händler bedeutet es, dass Teile des Kaufprozesses ausserhalb des eigenen Shops stattfinden.
Warum das UCP Schweizer KMU unter Zugzwang setzt
Viele Schweizer KMU unterscheiden sich von grossen Plattformen durch Nähe zur Kundschaft und Servicequalität. Genau diese Stärken geraten unter Druck, wenn der Kaufprozess zunehmend von KI-Interfaces übernommen wird.
Die Verlagerung des Kaufprozesses birgt für KMU erhebliche Risiken:
- Schwächerer Kundenkontakt
Die Interaktion findet primär bei der KI statt, wodurch der direkte Draht zum Kunden im Shop verloren geht. - Radikaler Preisvergleich
KI-Systeme vergleichen Angebote in Millisekunden. Das setzt Margen unter Druck, wenn der Preis zum Hauptkriterium wird. - Verlust von Storytelling
Dein Markenauftritt und die Geschichte hinter deinen Produkten verlieren an Sichtbarkeit, da die KI Informationen stark filtert. - Abnehmende Markentreue
Wenn Bequemlichkeit siegt, tritt die Bindung an einen spezifischen Händler zugunsten des schnellsten KI-Checkouts in den Hintergrund.
Checkout ausserhalb des Shops: Chance und Risiko zugleich
Ein Kernvorteil von UCP ist der nahtlose Kaufabschluss. Kunden können Einkäufe direkt dort tätigen, wo sie sich gerade informieren.
Chancen:
- Höhere Conversion-Rate
Weniger Kaufabbrüche, da der Wechsel zum Webshop und mühsame Formulare entfallen. - Organische Reichweite
Neue Verkaufschancen über KI-Plattformen ohne zusätzliche Werbekosten. - Volle Kontrolle als Händler
Der Händler bleibt der rechtliche Verkäufer (Merchant of Record) Der Vertrag kommt weiterhin direkt zwischen dem Kunde und dem Shop zustande. Retailer behalten die Hoheit über Kundendaten und Zahlungsfluss.
Risiken:
- Eingeschränktes Markenerlebnis
Der Retailer hat weniger Kontrolle darüber, wie der Shop und die Markenwelt präsentiert werden - Geringere Sichtbarkeit
Die eigene Marke tritt gegenüber dem KI-Interface in den Hintergrund. - Vergleichbarkeit
Die KI stellt Produkte verschiedener Anbieter oft direkt nebeneinander, was den Wettbewerbsdruck erhöht.
Warenkorb, Zusatzverkäufe und Mindestbestellwert
Viele kleinere Shops sind auf Zusatzverkäufe angewiesen, um profitabel zu sein. KI-Systeme kaufen jedoch oft extrem fokussiert auf ein einzelnes Problem, was den durchschnittlichen Warenkorbwert senken kann.
Das UCP bietet hierfür eine technische Lösung: Händler können über spezielle Attribute im Merchant Center, wie etwa is_accessory_to für Zubehör, steuern, dass die KI aktiv Ergänzungen oder Pakete anbietet. Diese Logik kennen wir bereits von Amazon-Empfehlungen.
Herausforderungen für KMU:
- Kleinere Warenkörbe
Der Fokus auf die schnelle Lösung eines Einzelproblems reduziert spontane Beikäufe. - Porto-Hürde
Wenn die KI nur ein Produkt wählt, wird die Versandkostenfreigrenze oft nicht erreicht. Das führt zu höheren Gesamtkosten für den Kunden. - Datenpflege
Die Cross-Selling-Logik muss sauber und maschinenlesbar im Produkt-Feed hinterlegt sein, damit die KI sie überhaupt erkennt.
Kundenbindung und das Datenschutz-Vakuum
In der Schweiz spiel der Datenschutz (nDSG) eine zentrale Rolle. Das UCP verspricht zwar technische Effizienz, erzeugt aber ein massives Problem bei der Einwilligung.
Das rechtliche Dilemma für Schweizer Retailer:
- Vorauslaufender Datenabgleich
Damit eine KI im Chat Treuevorteile anzeigen kann, müssen Kundendaten bereits im Vorfeld mit Plattformen wie Google oder Shopify synchronisiert werden. Zu diesem Zeitpunkt hat der Kunde jedoch noch keine Einwilligung gegeben. - Fehlender Cookie-Banner
Da der Prozess innerhalb eines KI-Interfaces wie ChatGPT oder Gemini stattfindet, fehlt die klassische Website-Umgebung mit Cookie-Bannern. Ein rechtssicherer "Opt-in" ist technisch aktuell kaum abbildbar. - Verantwortung beim Händler
Rechtlich gesehen haftet der Händler für die Daten, die in den Feed eingespeist werden. Wenn die Daten ohne Einverständnis für KI-Zwecke genutzt werden, liegt das Risiko beim Retailer.
Fazit für die Praxis: Solange keine Lösungen für Einwilligungen innerhalb der KI existieren, sollten Schweizer Händler äusserst vorsichtig damit sein, personenbezogene Treue-Daten in das UCP-Ökosystem zu übertragen.
Support, Rückfragen und Fehler
Wenn etwas schiefgeht, bleibt der Händler Ansprechpartner, auch wenn eine KI den Fehler gemacht hat. Das UCP deckt zwar auch den Bereich nach dem Kauf ab, bringt aber zusätzlich Risiken mit sich.
Das Problem der Fehlbestellung: Was passiert, wenn die KI im Hintergrund das falsche Produkt oder beim falschen Händler bestellt?
- Haftungs-Vakuum
Da der Vertrag zwischen dem Händler und dem Kunden zustande kommt, muss der Retailer sich mit der Retoure oder Reklamation auseinandersetzen, selbst wenn der Fehler im Algorithmus der KI lag. - Beweislast
Es wird für Händler sehr schwierig nachzuweisen, ob der Kunde die KI falsch instruiert hat oder ob das UCP die Daten falsch interpretiert hat.
Universal Commerce Protocoll, Merchant Center und Shopify
Das Universal Commerce Protocol ist kein Ersatz für die bisherigen Tools, sondern das Bindeglied dazwischen. Man kann es sich wie ein Zahnradsystem vorstellen, bei dem jeder Part eine spezifische Aufgabe übernimmt
- Shopify oder andere Shop-Systeme
Hier liegen deine Produkte, hier werden die Bestände verwaltet und von hier aus wird die Ware versendet. Hier liegt die technische Basis, damit der Shop "UCP-bereit" ist. - Google Merchant Center
Das Merchant Center fungiert als zentrale Datenbank. Es nimmt die Daten vom Shop-System und bereitet sie so auf, dass KI-Systeme sie verstehen können. Es ist der Ort, an dem entschieden wird, welches Produkt die KI verkaufen kann und, welches nicht. - UCP
Das Protokoll selbst ist nur der Standard für die Übertragung. Es sorgt dafür, dass die Informationen sicher vom Merchant Center zur KI fliessen und die Bestellung fehlerfrei wieder zurück in das Shop-System gelangt.
Wann kommt das Universal Commerce Protocol in die Schweiz?
Der Startschuss für das UCP fiel im Januar 2026 mit der Pilotphase in den USA. Im Laufe des Jahres wird das Protokoll schrittweise für Händler auf grossen Plattformen ausgerollt.
Für Europa und die Schweiz ist die Prognose etwas defensiver: Aufgrund der spezifischen Anforderungen der Datenschutzgesetze und der notwendigen Integration lokaler Zahlungsanbieter ist mit einem breiten Rollout erst gegen Ende 2026 oder Anfang 2027 zu rechnen. Schweizer Retailer haben also noch etwas Zeit, ihre Datenqualität zu optimieren.
Fazit für Schweizer Retailer
Aktuell gibt es für Europa und die Schweiz noch sehr viele unbeantwortete Fragen und kritische Risiken. Dies vermittelt oft das Gefühl, dass Agentic Commerce weiter weg ist, als es vermutlich tatsächlich ist. Zudem bleibt abzuwarten, ob die Kunden ein solches Einkaufserlebnis überhaupt annehmen. Nichtsdestotrotz ist das Universal Commerce Protocol kein Ersatz für den eigenen Webshop, sondern ein zusätzlicher Kauf-Layer über dem Web. Die Pflege eines hochqualitativen Produkt-Daten-Feeds ist ohnehin eine Grundvoraussetzung für erfolgreichen E-Commerce. Wer hier heute schon seine Hausaufgaben macht und auf höchste Datenqualität setzt, ist gerüstet, sobald das UCP hierzulande Realität wird.
Autor: Hatay Sánchez
Quellen: Google Developers Documentation (UCP), Shopify News & Roadmap, Vorstellung an der NRF durch Sundar Pichai, EDÖB (Schweizer Datenschutz-Leitfaden zum nDSG)
Jetzt tiefer einsteigen
FAQ
Sehr wichtig. KI ist längst kein „nice to have“ mehr, sondern wird zum Standardwerkzeug für Analysen und Entscheidungen. Wer sie klug einsetzt, verschafft sich echte Wettbewerbsvorteile.
Eine Sammlung von Einzeltools kann kurzfristig funktionieren. Integrierte Plattform-Ökosysteme sind aber langfristig effizienter. Sie vermeiden Daten-Chaos, sparen Kosten und sorgen für eine konsistente Kundenerfahrung.
Indem du klare ökologische Kennzahlen definierst und transparent kommunizierst. Digitale Tools für CO₂-Tracking und Lieferketten-Transparenz sind Pflicht. Ein praktisches Beispiel: KI-gestützte Logistikoptimierung, die Transportwege verkürzt und Emissionen senkt.
